Interview mit Frau Bucher über Low Vision

3 Nov 2018

 

SCHWEIZER OPTIKER 10 I 2018

 

Interview von Kurt Bütikofer
l o w v i s i o n
Theres Bucher,
M. Sc. in Optometrie

 

 

SO: Was hat Sie dazu bewogen, sich mit dem Thema Low Vision zu befassen und sich darauf zu spezialisieren?


Theres Bucher (TB): Bereits während meiner Ausbildung zur Augenoptikerin habe ich es
mir zum Ziel gesetzt, Optik und Optometrie täglich in ihren ganzen Bandbreiten anzuwenden.
Ich gelangte damit an die Wurzeln unseres Berufsstandes, um für meine Klienten das Optimum an Sehqualität und somit an Lebensqualität herauszuholen. Dies manifestiert sich insbesondere bei
sehbehinderten Personen. Es geht letztlich darum, ob diese Person ihren Arbeitsplatz
behalten und ihren Alltag bewältigen kann, oder ob sie sozial ausgegrenzt wird.


SO: Können Sie uns Ihren beruflichen Werdegang schildern?


TB: Der ist klassisch:
– vierjährige Lehre, damals noch mit dem Abschluss nach zwei Jahren zur Optolaborantin und dann nach vier Jahren zur Augenoptikerin.
– Tätigkeit als Augenoptikerin, bis ich wieder eine Veränderung in meinen Berufsalltag einbringen wollte.
– Vorkurs für die Höhere Fachschule für Augenoptik, darauf folgende 2-jährige Ausbildung in Olten an der Höheren Fachschule für Augenoptik, welche ich mit dem eidgenössischen Diplom abschloss.
– Geschäftsführung eines traditionellen Fachgeschäftes.
– Wechsel an die Fachstelle für optische Hilfsmittel in Olten, in enger Zusammenarbeit mit Fritz Buser.
– Ausbildung und Abschluss zur Low Visiontrainerin – Ausbildung und Abschluss zur Spezialisierten
Augenoptikerin in Low Vision Rehabilitation.
– Anwendung und Umsetzung dieses Know-hows im traditionellen Optiker- Fachgeschäft.
– zehnjährige Tätigkeit als Chefexpertin der Zentralschweiz
– Expertin im Qualifikationsverfahren
– Ausbildung zum M. Sc. in Optometry, für meine Masterthesis zum Thema Low Vision wurde ich mit dem «Karl Amon Optometry Award» ausgezeichnet.
– achtjährige Vorstandstätigkeit im Zentralvorstand von Optik Schweiz
– Aktuell arbeite ich als Geschäftsführerin im Brillen Paradies Renggli und berate täglich Low-Vision-Klienten.


SO: Welches sind die häufigsten Probleme, mit denen Ihre Kunden zu Ihnen kommen?


TB: Wir sind ein traditionelles Optiker-Fachgeschäft, welches das optische Know-how auf hohem Niveau pflegt. Dank der grossen Unterstützung der Besitzerfamilie kann ich in meinem Filialbetrieb meine Passion Low Vision umsetzen und weiterentwickeln. Meine Tätigkeit unterscheidet sich nicht
grundlegend von der meiner Berufskollegen, welche die Sehprobleme unserer Kunden tagtäglich bewältigen. Meine Arbeit beschäftigt sich zusätzlich mit tiefen Visen und schlechtem Kontrastsehen.
Optometrie in ihrer ganzen Vielfalt Seit Jahren berät Theres Bucher jeden Tag Menschen mit Low-Vision-Problemen. Dazu braucht es Einfühlungsvermögen und sorgfältiges Arbeiten. Gross ist die
Genugtuung, wenn einem Menschen mit einem schwer zu lösenden Problem geholfen werden konnte.


SO: Geben Sie uns doch ein Beispiel für ein Problem, das sich einfach beheben lässt.

 

TB: So bitter es klingen mag: Es fehlt oft an der sauber und korrekt durchgeführten Refraktion.
Man darf es nicht verpassen, bei einer Person mit einer Augenerkrankung oder Netzhautveränderung eine Refraktion trotzdem gewissenhaft durchzuführen, auch wenn an der diagnostizierten Augenerkrankung nichts verändert werden kann, denn es besteht ein erheblicher Unterschied für die betroffene Person, ob diese mit Visus 0,1 oder Visus 0,3 durchs Leben geht.


SO: Und wo wird es dann schwieriger, so dass ein grösserer Zeitaufwand nötig wird?


TB: Bei Low-Vision-Patienten mit erheblicher Sehbehinderung muss unter Umständen vom klassischen Low-Vision-Ablauf abgewichen werden. Den Parameter gibt einzig und alleine die betroffene Person vor. Nun wird die Erfahrung des Low-Vision-Spezialisten zielführend. So kann es sein, dass mit einer unkonventionellen Versorgung das optimale Ziel erreicht werden kann.


SO: Zum Stichwort interdisziplinäre Zusammenarbeit: Welche Personen und Stellen müssen bei anspruchsvollen Fragestellungen mit eingebunden werden?


TB: Je umfassender das Umfeld und sämtliche Institutionen mit einbezogen werden, desto besser ist die betroffene Person in der Lage, ihr Leben, ihre Arbeiten, ihre Schule usw. zu bewältigen oder aufrechtzuerhalten. Das beinhaltet: Zusammenarbeit mit den Ärzten, Augenärzten, Spitälern
mit Augenklinik, Orthoptik, Fachstellen für Sehbehinderung, Schulen mit den zuständigen
Heilpädagogen, Ausbildungsstätten und – ganz wichtig – der jeweiligen Familie u.v.m.


SO: Denken Sie, dass in diesem Bereich in der Schweiz schon genug getan wird?


TB: Die Schweiz verfügt über ein gutes und dichtes Netz von Beratungsstellen und Fachpersonen. Leider ist trotzdem immer wieder zu beobachten, dass betroffenen Personen Informationen vorenthalten werden, wie sie sich weitergehend beraten und unterstützen lassen können. Oft
ist es purer Zufall, dass Sehbehinderte zu kompetenter Beratung gelangen, da sie oft mit der Aussage «hier kann man sowieso nichts machen» alleine gelassen werden. Ein Missstand, der nicht nötig
wäre und der mich immer wieder betroffen macht.


SO: Sie waren ja auch in der Weiterbildung am Institut für Optometrie im Bereich Low Vision tätig. Wie stark sind denn die Augenoptiker an einer solchen Spezialisierung interessiert?


TB: Viele der Studenten wären interessiert an Low Vision, jedoch ist es wie an anderen Hochschulen: Die Lehrpläne und Agenden der Studenten und Studentinnen sind dermassen überfüllt, dass Spezialdisziplinen in der Regel nicht erste Priorität haben. Erschwerend kommt hinzu, dass die Komplexität dieses Fachbereiches zum Zeitpunkt der Ausbildung der Studenten und Studentinnen nur mit persönlichem und zusätzlichem Engagement erfasst werden kann.


SO: Wem würden Sie zu einer Spezialisierung in Low Vision raten?


TB: All jenen, welche die Optometrie in ihrer Vielfalt anwenden und umsetzen möchten, um ihren Klienten das Optimum an Seh und Lebensqualität weiterzugeben. Es benötigt eine gewisse Sensibilität, mit empfindsamen Sehbehinderten zu arbeiten, es benötigt aber zudem die Kraft und
die Bereitschaft, auch traurige Schicksale auszuhalten.


SO: Lohnt sich diese Spezialisierung denn auch finanziell oder ist es einfach viel Idealismus, viel Arbeit und wenig Geld?


TB: Die Spezialisierung lohnt sich, da im Low-Vision-Bereich die effektiven Kosten abgerechnet werden können. Der Klient ist dankbar, wenn er den Alltag mit dem neuen optischen Hilfsmittel besser bewältigen kann, somit sind Prozente und Tiefpreise kein Thema.


SO: Können Sie uns einen besonders kniffligen Fall schildern, bei dem es Ihnen gelungen ist, einem Menschen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen und auf den Sie besonders stolz sind?

 

TB: Eine Dame mit Metamorphopsien auf dem rechten Auge (d. h. einer veränderten oder verzerrten Wahrnehmung) und mit einer AMD, der trockenen Form, auf dem linken Auge wurde durch ihre Tochter zu mir geschickt. Der Verzug des Bildes im rechten Auge setzte ihr dermassen zu, dass
ihr vegetatives Nervensystem rebellierte und sie dadurch dermassen beeinträchtigt war, dass sie die Wohnung nicht mehr verliess. Auch hatte sie innert kürzester Zeit rund zehn Kilogramm Körpergewicht verloren, da die Metamorphopsien bei ihr stetige Übelkeit hervorriefen. Mit dem Abdecken des rechten Auges, was ihr von ihrem Augenoptiker empfohlen worden war, kam sie nicht klar. Ich refraktionierte sie. Das rechte Auge erreichte trotz Metamorphopsien noch Vcc 0.3 und das linke Auge trotz trockener AMD Vcc 0.6, was natürlich die Hoffnung auf eine gute optische Versorgung
erhöhte. Da sie auf das Abdecken des rechten Auges schlecht ansprach, nebelte ich sie mit + 3.0 in die Ferne wie auch in die Nähe. Mit dieser neuen Brille war sie wie ein neuer Mensch, sie fühlte sich wieder sicher und ging wieder auf die Strasse, auch das Lesen fiel ihr leichter, da die Metamorphopsien ihre Wahrnehmungen durch die Nebelung nicht mehr beeinträchtigten und die Peripherie sie in der Mobilität trotz der Nebelung unterstützte. Sie war begeistert und gehört seitdem mitsamt ihrer Familie zu unseren treuen Kunden. Solche gelösten Fälle erfüllen mich mit Genugtuung und mit Zufriedenheit.
 

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